Warum eine berufliche Standortbestimmung wichtig ist
Viele Berufstätige funktionieren im Alltag, ohne sich bewusst zu fragen: Bin ich auf dem richtigen Weg? Stimmen meine Werte noch mit meinem Job überein? Eine berufliche Standortbestimmung hilft Ihnen, Klarheit über Ihre aktuelle Situation zu gewinnen und fundierte Entscheidungen für die Zukunft zu treffen.
Ob Sie über einen Jobwechsel nachdenken, sich beruflich weiterentwickeln möchten oder einfach das Gefühl haben, festzustecken – eine ehrliche Bestandsaufnahme ist der erste Schritt in die richtige Richtung.
Die vier Säulen der Standortbestimmung
1. Kompetenzen und Stärken
Was können Sie besonders gut? Unterscheiden Sie zwischen:
- Fachkompetenzen: Berufsspezifisches Wissen und Können (z. B. Programmieren, Buchhaltung, Schweizßen)
- Methodenkompetenzen: Wie Sie Aufgaben angehen (z. B. analytisches Denken, Projektmanagement, Zeitmanagement)
- Sozialkompetenzen: Wie Sie mit anderen umgehen (z. B. Teamfähigkeit, Führung, Kommunikation)
- Persönliche Kompetenzen: Ihre Persönlichkeitsmerkmale (z. B. Belastbarkeit, Kreativität, Zuverlässigkeit)
Übung: Listen Sie 10 Dinge auf, die Sie besonders gut können. Fragen Sie auch Kollegen, Freunde oder Familie – oft sehen andere Stärken, die wir selbst nicht wahrnehmen.
2. Werte und Motivation
Was ist Ihnen im Beruf wirklich wichtig? Typische berufliche Werte sind:
- Sicherheit (festes Einkommen, unbefristeter Vertrag)
- Freiheit (Flexibilität, Selbstständigkeit)
- Sinn (gesellschaftlicher Beitrag, Nachhaltigkeit)
- Anerkennung (Wertschätzung, Status)
- Kreativität (Gestaltungsfreiraum, Innovation)
- Teamarbeit (Gemeinschaft, Zusammenarbeit)
- Leistung (Herausforderung, Karriere, Gehalt)
- Work-Life-Balance (Zeit für Familie, Freizeit, Gesundheit)
Übung: Wählen Sie Ihre Top-5-Werte und prüfen Sie: Werden diese in Ihrem aktuellen Job erfüllt? Wo gibt es Diskrepanzen?
3. Interessen und Leidenschaften
Was begeistert Sie? Wofür brennen Sie? Ihre Interessen müssen nicht immer direkt mit Ihrem aktuellen Beruf zusammenhängen – sie können aber Hinweise auf einen passenden neuen Weg geben.
Übung: Beantworten Sie folgende Fragen:
- Welche Tätigkeiten lassen Sie die Zeit vergessen?
- Worüber lesen Sie freiwillig Fachartikel oder Blogs?
- In welchen Bereichen fragen andere Sie um Rat?
- Was würden Sie tun, wenn Geld keine Rolle spielen würde?
4. Rahmenbedingungen und Einschränkungen
Nicht alles ist frei wählbar. Berücksichtigen Sie realistische Rahmenbedingungen:
- Finanzielle Verpflichtungen (Miete, Kredit, Familie)
- Regionale Bindung (Umzug möglich?)
- Gesundheitliche Einschränkungen
- Familiäre Situation (Kinder, pflegebedürftige Angehörige)
- Altersbedingte Faktoren (Zeit für Umschulung?)
Methoden der Standortbestimmung
SWOT-Analyse für die Karriere
Die SWOT-Analyse kennen Sie vielleicht aus dem Businesskontext – sie funktioniert auch hervorragend für die persönliche Karriereplanung:
- Strengths (Stärken): Was kann ich besonders gut?
- Weaknesses (Schwächen): Wo habe ich Entwicklungsbedarf?
- Opportunities (Chancen): Welche Möglichkeiten bietet der Arbeitsmarkt?
- Threats (Risiken): Welche Entwicklungen könnten meinen Beruf gefährden?
Rad des Lebens
Das Rad des Lebens ist ein visuelles Tool, mit dem Sie verschiedene Lebensbereiche bewerten – auf einer Skala von 1 bis 10. Relevante Bereiche für die berufliche Standortbestimmung:
- Zufriedenheit im Job
- Gehalt und finanzielle Sicherheit
- Arbeitsumfeld und Kollegen
- Entwicklungsmöglichkeiten
- Work-Life-Balance
- Sinn und Erfüllung
- Führung und Wertschätzung
- Persönliches Wachstum
Ikigai – Das japanische Konzept
Ikigai ist die Schnittmenge aus vier Fragen:
- Was liebe ich? (Passion)
- Was kann ich gut? (Berufung)
- Was braucht die Welt? (Mission)
- Wofür werde ich bezahlt? (Profession)
Wenn Sie in allen vier Bereichen eine Antwort finden, die zusammenpasst, haben Sie Ihr Ikigai – Ihren Lebenssinn – gefunden.
Professionelle Unterstützung
Wenn Sie allein nicht weiterkommen, können professionelle Angebote helfen:
- Karriereberatung: Individuelle Beratung durch zertifizierte Karriereberater (Kosten: ca. 100–250 EUR/Stunde)
- Coaching: Lösungsorientierte Begleitung bei beruflichen Entscheidungen
- Berufsberatung der Arbeitsagentur: Kostenlos, auch für Berufstätige (nicht nur für Arbeitslose)
- IHK-Weiterbildungsberatung: Kostenlose Beratung zu Qualifizierungsmöglichkeiten
- Online-Tests: Berufsinteressentests (z. B. Check-U der Arbeitsagentur, GEVA-Test)
Von der Analyse zum Handeln
Eine Standortbestimmung ist nur der Anfang. Leiten Sie aus Ihren Erkenntnissen konkrete nächste Schritte ab:
- Kurzfristig (1–3 Monate): Informationen sammeln, Netzwerk aktivieren, erste Gespräche führen
- Mittelfristig (3–12 Monate): Weiterbildung starten, Bewerbungen schreiben, Probearbeiten/Praktikum
- Langfristig (1–3 Jahre): Umschulung abschließen, neuen Beruf ausüben, Karriere aufbauen
Halten Sie Ihre Ergebnisse schriftlich fest und überprüfen Sie regelmäßig – idealerweise alle 6–12 Monate – ob Sie auf dem richtigen Kurs sind.